Feuilleton zur Orgel online - das Orgelmagazin

Teil eins - Leimgeruch, Sägemehl und....viele Membranen !


Für einen Organisten mit Leib und Seele fallen hier Weihnachten und Ostern auf einen Termin : Der vorsichtige Blick ums Eck des alten Orgelgehäuses verheißt Gutes. Die Orgelbauer sind tatsächlich da, haben schon schnaufend Kiste um Kiste mit Schrauben, Hämmern, Sägen, Leimtöpfchen, Lederlappen, Staubsaugern, ungezählten Lampen und ellenlangen Verlängerungsleitungen für Strom und Wasser auf die luftige Empore geschleppt.


Und schon ist konzentrierte Meisterschaft zu spüren. Zuschauen lohnt. Alleine das Zerlegen einer "Königin der Instrumente" in ihre Einzelteile geschieht weihe- und würdevoll, keine falsche Hast, alles muß bei mehreren tausend Einzelteilen wohl überlegt gestapelt, aufgereiht, deponiert und vorbereitet gelagert sein.


Durch das nunmehr offene Gehäuse der Steyler Späth/Klais-Orgel sieht man die Mitarbeiter der Übach-Palenberger Orgelbauwerkstätte Wilbrand-Coenen werkeln, sitzen, klettern, keuchen. Sie haben nach langen Überlegungen und Abwägungen das Rennen um den Auftrag der Renovation einer bemerkenswerten Orgel gemacht. Sie werden der klangreichen Orgelromantik in Steyl im Laufe des nächsten Vierteljahres frischen Atem verleihen, machen ungelenke Mechanik wieder fit, heilen verstauchte und verrenkte Stellen im Orgelleib und füttern den Orgelklang mit Kreide. Es wird wieder eine Königin der Instrumente klangvoll auferstehen, die lange Jahre (heilbar krank)in großen Teilen geschwiegen hatte. Die Gesundkur kann denn auch noch was länger dauern, vielleicht bis ins Frühjahr !?


Davor steht jede Menge Schweiß einer engagierten Orgelbauer - Crew, die jede Menge Fleißarbeit vor sich sieht. Tausende kleiner und verrotteter Membran-Bälgchen werden z.B. von ihren Leisten abgelöst und durch frisches, neues Leder ersetzt. So hakt bald nichts mehr, wenn der "pneumatische" Spiel-Apparat von der Schaltzentrale , dem "Spieltisch" mit seinen 49 Registerwippen und Spielhilfenschalten, den zwei Manualen und Pedalhölzern in Gang gebracht wird. Der Chef selber (Bild rechts) greift zur weißen Leimflasche, streicht Kleber behutsam auf die Kantenstellen des filigranen Materials und bringt die Bälgchen probeweise in Gang.


Dem Betrachter offenbart sich im zerlegten Orgelgehäuse manche interessante Optik. Die Unterseite der Windladen, hölzerner Teil der Orgel, auf dem die Pfeifen stehen und mit Wind versorgt werden, liegt offen und zeigt "militärische Ordnung" : In Reih und Glied hängen die Kegelventilunterseiten wie zum Trocknen an der Luft - im gelblichen Licht der Montagelampen führt geometrische Ästhetik zum Schauen und Staunen über Handwerkskunst des Orgelbauers, der vor langen Jahren dieses mächtige Instrument gebaut hat.


In luftiger Höhe, über den Baumwipfeln entlang der Maas kleben Lederseiten wieder frisch eingepaßt und satt verleimt aneinander, werden bald die vielen Balgsysteme elastisch öffnen und schließen lassen. Ein hoher Winddruck bläst durch die Luftkammern, wie man mittlerweile festgestellt hat : weit über 90 mm Wassersäule sind es in manchem Werk. Da muß auch künftig alles gut verleimt sein, will die Mechanik dem hohen Druck Stand halten können.

Interessierten Anfragen des Steyler Organisten begegnen die Orgelbauer mit gelassener Auskunftsfreude, haben sichtlichen Spaß am Fantasieren des "Titulaires", der sich hier und da was wünscht. Einen Setzer vielleicht, ein Glockenspiel zum majestätischen Orgelklang, eine neue " Unda maris" an einer Pfeifenorgel, die konkurrenzlos dicht neben der Wasserkante zuhause ist. Letzteres kommt gewiß, die "Meeresstimme". Eines ist jetzt schon da: die Erkenntnis nach nur einigen Tagen des emsigen Schaffens der Orgelbauer, daß hier kunstvoll Großes wieder aufersteht.

copyright Bilder und Text : JüSch, orgelmagazin.com

Teil zwei - Karies im Orgelgesicht : Die Pfeifen schwinden



Es ist soweit, die weit über 2000 Membranen sind schon fertig erneuert und fest montiert. Im Akkord haben die Mannen um OBM Heribert Coenen geschuftet. Erstaunlich vielgleisig wird am Instrument gearbeitet. Fliegender Wechsel vom langen Schraubenzieher, der die Leisten heruntermanövrierte, in die Hände des einen zum anderen Orgelbauer, der löste, klebte, prüfte, zurückgab, und nun ist der flinke Schraubenzieher wieder dran und setzt schon wieder ein. In weniger als einer Woche ist dieser handwerkliche Staffellauf geglückt. Meister Coenen steht und sitzt gebückten Hauptes über der Spielelektronik der beeindruckenden Klaisischen "Kommandozentrale", dem eleganten Spieltisch mit seinen geschwungenen Registerzeilen. "Altlasten müssen saniert werden", stöhnt der Meister seines Fachs, und konstatiert, daß "eine Menge Kontaktspray in die filigranen Wege der Silberdrähtchen und Wippen und Schälterchen gepumpt wurde". Dies hat eher das Gegenteil als den erwünschten Effekt erzielt - nun sitzt vieles besonders fest. Säubernde, regulierende, wieder einrichtende Arbeit macht Vorfreude auf kommendes, reibungsloses Spiels.

Wenn ein halbes Jahrhundert seine Spuren gelassen hat, dann finden Orgelbauer auch mal längst verstorbenes Federvieh in Metallpfeifen. Dann raschelt und rieselt dazu auch noch Nistmaterial aus dem Achtfuß. Und das Waschen der Pfeifen erzielt auch für skeptischste Gemüter einen bleibend-blendenden Eindruck : Pechschwarz ist die Brühe, die die Hinterlassenschaft ungezählter Hochamts-Kerzenschwaden aus dem Klangkörper gespült hat. Und der stets wohl etwas störende Zaungast erfährt, daß das Reinigungsmittel, es sieht aus wie Tillys bestes Waschpulver, auch in der Melkindustrie durch die Milchfördergänge gespült wird - weil besonders fettlösend, aber auch umweltverträglich.

Ökologisch blitzt es hier wieder. Klasse. Und nun, nach der Putzkur, wird entbeult, geglättet, zurück hineingeschuftet in den großen Orgellaib. Aber davon später mehr.

copyright Bilder und Text : JüSch, orgelmagazin.com

Teil drei - Betagte Steyler Orgel-Dame bald wieder fit


Liebe Orgelmagazin-Besucher ! Die Redensart : "Da kommt ja schon wieder diese Pfeife" ist hinlänglich bekannt. Von daher verbitte ich mir jede sprachliche Assoziation, wenn ich mich zum heutigen Steyler Lagebericht einmal jovial in die Klangkörperfront "meiner" großen Steyler Orgel einreihe. Wers doch nicht lassen kann, dem sei hiermit wenigstens klargemacht : Die größte Pfeife ist der Schröder nun doch beileibe nicht
;-)
Die Arbeiten an einer der bemerkenswertesten romantischen Orgeln deutscher Herkunft auf niederländischem Boden schreiten zügig voran. Und doch sind es immer wieder knifflige Details, die die Arbeit sehr aufwendig werden lassen : Eigenhändige Eingriffe in die Elektrik der Orgel von selbsternannten Orgelbauern müssen nun mühsam enträtselt, aufgelöst und wieder in den Originalzustand der Erbauerzeit versetzt werden. Die Orgel besaß so z.B. ein großartig breites Klangbild, das neben den verblüffend gut mensurierten Grundstimmen und der vielfältigen Klangkrone auch durch etliche Sub- und Superoktavkoppeln erreicht wurde. Im Laufe der letzten fünfzig Jahre hatte man in der Orgel "gewildert", d.h. die Superoktavkoppeln verschwanden sang- und klanglos, auch die Anlage im Spieltisch wurde entfernt. Nun wurden Pfeifen exakt angepaßt und ergänzt. Man mag sich vorstellen, daß der Autor und Organist mit jedem wieder eingestellten Register wild darauf ist, alle Klänge direkt auszuprobieren. Nur soviel sei verraten : Es ist erstaunlich, wie eine gründliche Nassausreinigung des Pfeifenwerks Klänge verändern, stabilisieren und klarer zeichnen läßt. Eine optische Beeinträchtigung wurde nun behoben - der große Freipfeifenprospekt mit den 16' und 8' Pfeifen war noch durch die Kriegsweinwirkungen stark optisch beschädigt. Abschleifen der Zinkpfeifen und Auftragen einer neuen Farbschicht war für die Orgelbauer ziemlicher Aufwand. Ein Platz (auf einer Dachterasse des Ordenshauses) wurde schließlich gefunden, die z.T. beträchtlich großen Pfeifen über ein Gerüst nach unten laviert und nach und nach sorgsam renoviert. Erstaunliche Erkenntnis beim Abbauen : Einige Granatsplitter hatten die Pfeifen an der Rückwand getroffen, gotlob immer im nichtklingenden oberen Ende. Da Steyl während der Besetzung durch Nationalsozialisten einer Kaserne Herberge geben mußte und das Ordenshaus in der erhöhten Lage direkt am Maasufer eine nahezu ideale Zielscheibe bot, wurde auch die Orgel Kriegsopfer. Um das originale Klangbild der Register Contrabaß 16' und Prestant 8' nicht zu gefährden, wurden die Pfeifen repariert.

Stand nach den ersten Wochen der Renovierung : Das Schwellwerk wird langsam wieder Pfeifen beherbergen, die nun neuintoniert werden. Die Orgel steht erst einmal "nackt" ohne Front da, immerhin ist ihre Spieltechnik schon komplett überarbeitet.

Bis bald mal wieder !

Teil vier

Herr Simons in Aktion : Der Intonateur hat schon große Teile der Orgel wieder in Klang gebracht : runder, satter, farbiger, päziser, ausgeglichener. Dabei immer die Vorgabe im Hinterkopf, nichts an der alten , grundsätzlich hervorragenden Intonation zu ändern. Nachdem ungezählte Pfeifen repariert wurden, ausgebeult, teilweise an der Stimmvorrichtung ergänzt und repariert wurden, stehen sie frisch gereinigt auf staubfreien Windladen und werden reihenweise auf eine passende Ansprache und Lautstärke getrimmt. Webmaster und Organist meist am Spieltisch, geduldig Tasten drückend, ein Buch vor sich, denn es werden ungezählte Stunden.

Herr Simons, von bauchabwärts besehen, in die Technik einer hochgebänkten Windlade vertieft. Orgelbauer müssen akrobatisch veranlagt sein, sieht man sie mitunter halsbrecherisch auf Gehäuseteilen jonglierend, Staubsauger, Stimmeisen, Pfeifen oder sonstwas in der Hand haltend. Als es in Steyl darum geht, die Prospektpfeifen des "Contrabaß 16'" Registers zu trimmen, ist ein solcher Hochseilakt fällig. Ende der Aktion : Doch wird ausgebaut, damit die Oberseite besser erreichbar ist. Dabei wird eine Inschrift auf dem Deckel einer Pfeife sichtbar : Namenszüge früherer Orgelbauer und versteckte Zeichen, eine Orgelbauer-Geheimschrift ??!

Stand in Steyl : Prospekt steht wieder, Schwellwerk so gut wie fertig.

Letzter Teil - Orgel im neuen (alten) Glanz

In Steyl hieß es in der vergangenen Woche : Koffer, Kisten und Gerätschaften packen ! Die Orgelbaufirma Coenen - Wilbrand aus Übach-Palenberg hat die große Späth - Klais- Orgel (1888/ 1938) wieder behutsam, mit Fingerspitzengefühl und großer Sorgfalt in Form und Glanz gebracht. In einer ersten Bewährungsprobe, nach Durchspielen und Austesten der neuen Intonation vor Orgelbauern und Ordensmitgliedern stand für den Spielenden und Anwesende fest : Eine bemerkenswerte Orgel hat sachverständige OB-Meisterhände erlebt, das sieht man, das hört man. Über sieben Wochen lang haben OBM Heribert Coenen, OBM Ferdinand Simon, Kurt Donners und Philip Simon Überstunden geschoben , um zur Heiligsprechungsfeier des Steyler Ordensgründers Arnold Janssen SVD fertig zu werden. Dies hieß unter anderem auch, im Missionshaus wohnen zu müssen und von morgens bis abends spät im Akkord zu arbeiten. Fazit nach dem großen Aufwand : Die Orgel ist jetzt spieltechnisch komplett restauriert – neue Membranen, neue Balgbelederungen, neue Motorkammer-Dämmung mit Kasten, Reparatur der vielen Spieleinrichtungen des Spieltisches, Windladendurchsicht und Reparatur, Komplettausreinigung aller Teile, Neuintonation, Ergänzungsbau der Superoktavpfeifen im Schwellwerk, die leider verschwunden waren. Heraus gekommen ist ein profunder Klang, der auch durchaus "französisch-verliebten" Ohren entgegen kommt. In einem Festkonzert mit Chor und Orchester erklingt die Orgel am 12.10. um 17 Uhr das erste Mal vor Publikum nach den Restaurierungen.

Bild : JüSch