Feuilleton zur Orgel online - das Orgelmagazin

Steyler Orgeldetails

Der Gründer des Steyler Missionsordens Arnold Janssen stammt aus dem niederrheinischen Goch, wohnte und arbeitete lange in Kempen und und gründete als junger Priester ein Kloster - infolge der Kriegswirren jedoch in den nahen, nachbarlichen Niederlanden. Die Entfernung zwischen beiden Orten ist locker mit dem Fahrrad zu bewältigen - daher der Bezug des Autors und des heimatlichen Niederrheins zu Steyl.

Deutscher Gründer in nahem Holland

Die Steyler Missionare (SVD) wurden sehr rasch nach ihrer Gründung erfolgeich mit Kommunitätsgründungen rund um den Globus. Keimzelle war jedoch immer das Mutterhaus oder "Missionshaus St .Michael" in Steyl. In jenem stattlichen neugotischen Bau wohnte der Gründer Janssen bis zu seinem Tode. Schon immer fanden in dem großen Klosterhaus, das streckenweise bis zu 700 Bewohner zählte, bedeutende katholische Gottesdienste statt - zu Priesterweihen, Ordensgelübden, zu Feiern des zeitweise zum Orden gehörendem Gymnasiums. Dazu nutzte man die "Oberkirche" des Ordens, eine neugotische , sehr hoch gebaute Kirche, unter derem Fußboden, quasi im Keller, noch eine größengleiche "Unterkirche" Platz fand.


Damit zu hohen Messen auch eine ensprechend festliche Musik erklingen konnte, wurde schon früh, im 19.Jh. , eine große Orgel auf der Oberkirchenempore eingebaut. Nach dem Zumauern des Turmhaus-Rundfensters errichtete dann im Jahr 1930 die Bonner Orgelbaufirma Klais (sie baute auch u.a. im Kölner, Frankfurter und Trierer Dom) eine stattliche Pfeifenorgel mit der Opuszahl 811. Das zweimanualige Werk mit Hauptwerk, Schwellwerk und Pedal umfaßte immerhin 37 Register und wurde von der Intonation her eindeutig hochromantisch disponiert. Wer sich, wie es der Autor öfters macht, an den Spieltisch der Orgel begibt und der räumlich gewaltig wirkenden Orgel Töne entlockt, wird unversehens, trotz des sehr bedenklichen allgemeinen Bauzustands, vom majestätischen und sehr interessanten Klang des Instruments in den Bann gezogen. Dies beruht nicht zuletzt auf der Tatsache, daß die Kirche den nächsten Krieg überstand, ohne daß die wertvollen Pfeifen eingezogen wurden. So verfügt die Steyler Orgel z.B. heute noch über hoch zinnhaltige Metallpfeifen im Schwellwerk, die den Klang ungeheuer weich und ausgewogen werden lassen. Überhaupt sparte die Firma Klais seinerzeit nicht mit dem Material : 5 Zungenstimmen, die von der Mensur und Stimmung her sehr farbenreich und kräfitg angelegt sind, bilden eine satte Klangbasis für kräftige Literatur der Romantik, die im akustisch überaus ansprechenden Kirchenbau hervorragend klingt. Gespielt wird jene Musik vom Spieltisch her, der, und das ist für diese Bauzeit und für derartige Orgeln üblich, über elektropneumatische Trakturen mit den Pfeifen verbunden wurde. Zahlreiche Super- und Suboktavkoppelungsmöglichkeiten (für Manuale und Pedal !) und eine "Pedalakzent" - Möglichkeit, d.h. die Pedalregister lassen sich auf dem unteren Hauptwerk auch mit der Hand spielen, sind technische "Zuckerstückchen" an dieser Orgel. Ohne Zweifel ist die Steyler Orgel ein Musikinstrument mit Denkmal-Wert, doch aufwendige Restaurationen sind nötig. Die elektrischen Kabel im Spieltisch (von 1930 !) sind "mürbe", viele Töne fallen dadurch immer wieder aus. Auch starker Staubbefall hat manche Pfeifen sehr leise oder ganz stumm werden lassen. Viele Pfeifen haben nicht mehr den nötigen Halt und drohen, abzuknicken (Bild oben rechts) Wäre dieser Zustand behoben, klängen aber z.B. ganze 11 Pedalstimmen wieder so wie früher - durch komplett ausgebaute Pfeifenreihen ohne Transmissionen überwältigend fundamentierend. Ein Quintregister erzeugt akustische 32´Lage, das Hauptwerk baut sich auf einem 16´Nachthorngedackt auf : "Wohlige Schauer" können Orgel-Enthusiasten beim Anhören solcher Grundklänge in der Oberkirche durchaus über den Rücken laufen. Eine sehr zart und wunderbar intonierte Schwebung (Vox coelestis und Aeoline), zahlreiche und sehr eigencharakeristische Flötenstimmen in allen Werken und interessante Aliquotstimmen runden das interessante Profil dieses beeindruckenden Instruments ab.

Seltenes Denkmal an deutsch-niederländischer Grenze

Die hier potraitierte Orgel steht in der niederländischen Orgelwelt und in der Region Limburg sehr einzigartig da. Viele Sommertouristen besuchen das direkt an der Maas gelegene Kloster . Nur zwei Gründe, die dafür sprechen, die Klais - Orgel der nötigen Restaurierung zuzuführen und regelmäßige Konzerte darauf zu veranstalten.

Anliegen des Autors dieses Artikels (Jürgen Schröder, Viersen) und der Verantwortlichen im Kloster Steyl ist es , die Aufmerksamkeit weiterer Fachleute und Musikfreunde auf die Klais-Orgel des Klosters Steyl zu ziehen. Eine einzigartige "Königin der Instrumente" sollte aus dem Dornröschenschlaf geweckt werden !

Ein erster Schritt ist mit diesem Bericht getan. Ein Orgelbauverein wäre zu gründen, Benefizkonzerte müssen gespielt werden, unter anderem mit Werken aus der Feder eines Komponisten, der als Mitbruder lange in der Steyler Kommunität lebte. Das Orgelmagazin wird weiter , auch an anderer Stelle, berichten, was aus dem Vorhaben wird und Konzerttermine ankündigen


Im Folgenden weitere Detailfotos der Orgel und einiger ihrer Problemstellen :




Das Augenfällige zuerst : die Beulen in den Prospektpfeifen zeugen vom Zahn der Zeit, der an der Klais-Ogel nagt.

Knicke und Beulen

Klingen tun sie noch, die Pfeifen, aber Beulen können durchaus den Klang beeinträchtigen.







Fast eine Sensation, die viel Geld erspart: hier pfeift nichts und ist alles dicht : Der in seinen Ausmaßen riesige Magazinbalg aus der Klais - Werkstatt liefert stetigen, ruhigen und zuverlässigen Wind.

Funktionstüchtige Lunge

Deutlich zu sehen ist, daß in der Fülle der Stimmen auch einige Register in der Balgkammer aufgestellt wurden. Dies ermöglicht einen ganz interessanten "Fernwerk-Effekt", denn das Gehäuse dämmt den Klang ganz gut.






Der "Langsamläufer" der Steyler Orgel, eine betagte Windmaschine, ist beinahe ein Fall fürs Museum: heutige Windgeneratoren sind kleiner gebaut, stehen in schalldichten Kästen und laufen mit erheblich höherer Umdrehungszahl.

Langsamläufer mit etwas Asthma

Das Rauschen, das den Kirchenraum nach dem Einschalten der Klais-Orgel erfüllt, stammt von dem Windkanal , der von der Windmaschine in der Turmkammer ins Orgelinnere führt.


Hier traf sich Architektur und Musik - und es mußte ein Kompromiß gefunden werden, mit dem aber gut zu leben ist :


Es wurde Klang und weniger Licht


Da die Größe der Orgel verhinderte, daß um die schöne Fensterrosette im Turm der Steyler Oberkirche gebaut werden konnte, schloß man das Glasfenster, das aber noch erhalten ist.






Hier ein Blick unter die Windladen-Systeme, auf denen die Orgelpfeifen stehen : Elektropneumatisch, d.h. mit einer Mischung aus Elektronik und luftgefüllten Bleiröhrchen, werden Registerschaltungen und die einzelnen Tonventile in der Orgel (übliches und oft denkmalgeschütztes Bauprinzip der damaligen Zeit) angesteuert. Ein System, das in Steyl überholt werden muß, da Leitungen brüchig sind und die kleinen Leder-Membran-Ventilbälge im Laufe der Zeit austrockneten. Manche öffnen und schließen nicht mehr zuverlässig.


Die Firma Klais, eine bis heute sehr große Werkstätte, baute und baut alles selbst. sogar Stromkabel wurden eigens angefertigt und gezogen.