Feuilleton zur Orgel online - das Orgelmagazin

Aus einem Brief Mendelssohn-Bartholdys

Die Tücken des Orgelspiels

 

»Heut hab ich den ganzen Morgen gespielt und angefangen zu studieren, weil es eigentlich eine Schande ist, daß ich die Hauptsachen von Seb. Bach nicht spielen kann. In München will ich, wenn es angeht, jeden Tag eine Stunde üben, denn ich habe heut, nach ein paar Stunden, schon Fortschritte mit den Füßen gemacht (nota bene im Sitzen). Rietz hatte mir nämlich erzählt, daß ihm Schneider in Dresden die D-Dur-Fuge aus dem wohltemperierten Klavier auf der Orgel, mit dem Pedal die Bässe, vorgespielt habe; das war mir bisher so fabelhaft vorgekommen, daß ich es nie recht begriffen hatte. Heut morgen fiel es mir auf der Orgel wieder ein; da machte ich mich ungesäumt daran und bin wenigstens so weit gekommen, zu sehen, daß es gar nicht unmöglich ist, und daß ichs lernen werde. Das Thema ging schon ziemlich gut; und so habe ich auch die Stellen aus der D-Dur-Fuge für Orgel, aus der F-Dur-Toccata und der g-moll-Fuge, die ich auswendig wußte, geübt. Wenn ich in München eine ordentliche, nicht gebrochene Orgel finde, werde ich es lernen und freue mich kindisch darauf, die Sachen herunterzuorgeln. Die F-Dur-Toccata mit der Modulation am Schluß klingt, als sollte die Kirche zusammenstürzen. Das war ein furchtbarer Kantor. [...]

Abends. Ich habe eben noch bis zur Dämmerung Orgel geübt und trampelte wütend auf dem Pedal herum, als wir auf einmal bemerkten, daß das tiefe cis auf dem Subbaß ganz sanft, aber unaufhörlich mitsauste. Alles Drücken, Rütteln, Stoßen der Taste half nichts; wir mußten in die Orgel hineinklettern, unter den dicken Pfeifen herum; das cis sauste immer sanft fort; der Fehler lag in der Windlade; der Organist war in großer Verzweiflung, weil morgen ein Festtag ist; da mußte ich am Ende mein Schnupftuch in die Pfeife stecken, und da gab es kein Sausen, aber auch kein cis mehr. Gute Nacht; es schlägt acht in f-moll und regnet und stürmt in fis-moll oder gis-moll, in allen möglichen Kreuztonarten. « (Felix Mendelssohn-Bartholdy, aus einem Brief an seine Familie, geschrieben am 3. September 1831 im schweizerischen Sargans.)


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