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Eine Replique auf Baden-Badener Argumente

Fetisch Durchsichtigkeit.

Von: Henrik Wirz

In dem Artikel zur Erneuerung der Orgel von St. Bernhardus in Baden-Baden ist die Prägnanz der Argumente baden gegangen. Diese schöne Kirche aus dem Jugendstil-Jahrzehnt soll eine adäquate Orgel (wieder-) bekommen.  Dass der Disput über Orgelgeschmack nie abbricht, solange Orgeln entstehen oder restauriert werden, ist ein Zeichen kreativen Umgangs mit Instrument und Musik. Leider ist der Umgang mit den Argumenten hier ungenau und somit nicht ganz triftig. Die Orgel kann nicht flexibel sein. Sie wird flexibel vom Organisten eingesetzt, und dies kann er mit jeder Orgel machen. Jede romantische Orgel hat immer einige  Register, mit denen Bach gespielt werden kann. "Die Durchsichtigkeit geht verloren wie Flöten und aliquote Mixturen". Unabhängig von der schwachen Ausdrucksweise: Was ist gemeint? Hängt die Durchsichtigkeit nur an dem Einsatz von Flöten und Mixturen? Die Durchsichtigkeit ist abhängig von der Spielweise des Organisten, von der Phrasierung z.B. und von nicht überladener Registrierung. Bei ca 40 Registern sollte bei romantischsten Orgel eine Prinzipalreihe vorhanden sein, die nicht zu dick aufträgt, dazu ein paar genügend helle Stimmen (Was heisst aliquote Mixturen? Aliquoten ist der Oberbegriff). Polyphonie und Durchsichtigkeit des Klanges geht verloren. Bach war nicht Polyphoniker - die Polyphonie hatte um 1550 ihren Höhepunkt überschritten - sondern Kontrapunktiker. Nach der Redensart aus dem 19. Jahrhundert wird das als gleich angesehen. Doch der Polyphoniker wird niemals den Generalbass als Finis seiner Musikauffassung ansehen. Bach war ein genialer Harmoniker, der den Kontrapunkt einsetzte, um den Stimmenfluss lebendig zu gestalten, die Stimmen stehen in unentwegtem Dialog miteinander. Selbst die Fugen enthalten häufig Themen, in die ein Dreiklang eingebaut ist (Kunst der Fuge). Die Bachzeit war längst zu harmonischem Gestalten übergegangen, und Bach war der beste von allen zeitgenössischen Komponisten. Dann wird häufig der Begriff Durchsichtigkeit gebraucht. Dieser Begriff bezeichnet die visuelle Beschaffenheit eines Materials. Das Auge ist ein analytisches Sinnesorgan, es kann gezielt beobachten, ohne viel Übung. Das Ohr ist ein synthetisches, rezeptives Organ, ist der Gesamtheit der akustischen Erscheinungen ausgeliefert. Nur mit viel Übung ist das gezielte Hören möglich. Es ist fraglich, ob ein gezieltes Heraushören von Einzelstimmen aus einem harmonisch beherrschten Musikstück vom Komponisten angestrebt ist.

Ausserdem, was steht hinter dem "polyphonen" Satz, wenn er durchsichtig sein soll, was soll man beim Durchsehen entdecken? Es ist doch die Stimmenbewegung selbst, nichts durch sie hindurch.

Es sind nicht die orchestralen Werke Bachs, wie viele Präludien, um deren Aufführbarkeit gefürchtet wird , sondern die Fugen, die selbst in Formen von Concerti z.B. auftreten. Um Passacaglia, Toccaten, Fantasien, u.ä. braucht man sich keine Sorgen machen. Die Triosonaten sind in Kammerbesetzung gut spielbar. Vielleicht sind die Zungenstimmen zu voluminös, die könnte man sparsam einsetzten. Ich habe selbst eine rein französich disponierte Orgel (30 Register). Bisher hat sich kein Konzertorganist gescheut, Bach zu spielen. Und dass Walckerorgeln aus der Jahthundertwende um 1900 Bach vertragen, beweisen manche Aufnahmen.

Wenn man sich für einen Orgeltyp entscheidet, sollen bei der Argumentation wenigstens die Argumente stimmen und Begriffe genau gewählt werden.

 

 


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