Von der Restaurierung einer Restaurierung...
Englisches Flair im Schwalmtaldom
(Zustand vor der Restaurierung... Bild links :orgelmagazin.com, rechts ein Foto nach der Restaurierung (Marco Ellmer) :Neu lackierte Prospektpfeifen, und dunkel lackiertes Gehäuse)
Bis zum Jahre 2002 besaß die Pfarrkirche St. Michael eine kleine elektronische Heimorgel als Begleitinstrument für Famillienmessen. Ein solch minderwertiges Instrument kann natürlich den kirchenmusikalischen Anforderungen in einer solch üppig dimensionierten Kirche nie gerecht werden. So kam es zu dem glücklichen Zufall das der damalige Kantor Bernward Ostendarp mit Hilfe einer Wuppertaler Gebrauchtorgelfirma ein hübsches Kleinod aufspürte: Eine historische Orgel aus England. Dieses Instrument wurde aus einer Kirche in Culcheth (Nähe Liverpool) vor der Müllkippe gerettet. Die „Independent Methodist Church“ dort wurde zu Wohnungen umgebaut und Ihre Orgel wurde gerade noch vor dem zerhacken gerettet. Dank eines großherzigen Spenders aus Waldniel (er möchte ungenannt bleiben) konnte die Orgel durch einen westfälischen Orgelbauer so hergerichtet werden, das Sie nach Waldniel transportiert, und so immerhin schon 5 Jahre gespielt wurde. Leider waren die Reparaturen und Restaurationsarbeiten nur auf das wichtigste bezogen, und die Orgel spielbereit erhalten. Jetzt ist es endlich soweit: Nach halbjähriger Auslagerung kommt das Instrument frisch restauriert zurück in den Schwalmtaldom. Die Mönchengladbacher Orgelbaufirma Scholz hat das Instrument auf Herz und Nieren geprüft, und in seine knapp 7000 Einzelteile zerlegt. Jedes Teil wurde genau durchgesehen, fehlende Teile ergänzt und hergerichtet. Die Restaurierung der Orgel stellte sich in sofern als schwierig da, weil 2002 aus Kostengründen nicht alles fachgerecht überarbeitet werden konnte, und somit mehr Schaden entstanden ist als man angenommen hat.
Die Restaurierung der Orgel:
Windladen:
Zerlegte WIndlade, Blick auf die offenen Kanzellen
Die Windladen, auf denen die Pfeifen in der Orgel stehen, waren stark vom Holzwurm befallen. Beide Laden wurden zunächst überprüft, und dann komplett auseinandergebaut. Die Umstellung der Orgel hat das Holz stark beansprucht, es musste vieles erneuert werden. Die Kanzellen wurden mit Warmleim ausgegossen um Sie abzudichten. Dannach wurde die Lade von Hand abgerichtet. Anschliessend wurde der Kanzellenboden mit Leimpapier abgedichtet. Vorher diente hier poröses altes Leder als Dichtung. Alle Ventile wurden neu beledert, wenn nötig befilzt und abgerichtet. Sie wurden wieder angeschwänzt mit neuen Führungsstiften auf den Kanzellenboden aufgeleimt. Der Windkasten musste in Teilen neu angefertigt werden. An den Ventilen wurden insgesant 112 neue Abzugsdrähte aus Messing angehängt da die alten korrodierten Kupferdrähte teilweise verbogen und nicht stabil genug waren. Zwischen den Schleifen und den Stöcken wurden neue Dichtungen aus Liegelindfilz aufgeklebt. Die Zwischenräume waren graffitiert wodurch kein Halt der Dichtungen gewährleistet war. Es gab viele Heuler und Tonausfälle.
Pfeifenwerk:
Die 331 historischen stark Bleihaltigen Orgelpfeifen waren nicht korrekt in die Orgel eingebaut. Viele Pfeifen standen schief und sind dadurch in Ihren Halterungen verbogen oder in den Füßen gesackt. Die Pfeifen wurden gründlich gereinigt, ausgebeult und rundiert.
Hauptwerk mit den neu rastrierten Pfeifen
Die 120 Holzpfeifen waren teilweise vom Holzwurm befallen. Hier wurden wenn nötig neue Pfeifenfüße aus Eichenholz eingesetzt, die Stimmbleche erneuert, und das Leder der Spunde (Stimmvorrichtung) ersetzt. Rostige Schrauben wurden durch neue ersetzt.
Die 17 Prospektpfeifen aus Zink waren ebenfalls schadhaft. Die Stimmrollen waren ausgeleiert und verbogen. Hier wurden neue Stimmrollen aus Zinn eingelötet. Die Pfeifen wurden von Hand abgeschliffen und somit von den alten Fabschichten befreit. Eine neue silbrig goldene Lackierung sorgt hier für einen prächtigen Anblick.
DISPOSITION:
I. Manual, "Great":
- Open Diapason 8ft (Principal 8')
- Stopped Diapason 8ft (Gedackt 8')
- Dulciana 8ft (Weiches Salicionalregister 8')
- Lieblich Flute 4ft
II. Manual, "Swell"
- Corno Dolce 8ft (Liebliches Horn ')
- Salicional 8ft
- Vox Celeste 8ft ab c°
- Principal 4ft
- Oboe 8ft ab c° (neu 2007)
Pedal:
- Bourdon 16ft
Koppeln:
Swell to Great (II/I), Great to Pedals (I/P mit II durchkoppelnd bei gezogener II/I)
Gehäuse:
Die Vorderfront der Orgel besteht aus Pinienholz. In England besaß die Orgel kein weiteres Gehäuse da das Instrument in einer Wandnische stand.
2002 bekam sie rundherum neue Gehäusewände aus Fichte. Diese wurden nun dem Farbton der Vorderfront exakt angepasst damit hier keine Unterschiede mehr zwischen alt und neu erkennbar sind. Die neuen Holzpfeifen in den Seitenfeldern wurden ebenfalls farblich angepasst.
Windanlage:
Der Blasebalg wurde innen neu beledert und überall dort abgedichtet wo undichte Stellen für unschöne Nebengeräusche sorgten. Zusätzlich erhielt der Balg einen neuen Boden und ein neues Auslassventil. Im innern wurde eine Querstrebe zur besseren Stabilität eingebaut. Die Windkanäle sind allesamt neu beledert worden.
Spieltisch und Spielmechanik:
Pedalkoppel mit neuem Wellenbrett
Mechanik im Spielschrank
Die Spielmechanik der Orgel wurde komplett überarbeitet. Alle alten Kupferdrähte wurde durch eine neue Mechanik aus Messing ersetzt die mit Verbindungskappen aus Ahorn zusammenhängen. Alte Stecher wurden repariert und ergänzt. Die Klaviaturen wurden gereinigt, und neu einreguliert. Die Ärmchen der Manualkoppel sind erneuert worden wodurch die unangenehmen Klappergeräusche beim spielen behoben sind.
Abzugsdrähte Schwellwerk
Die Pedalklaviatur ist neu befilzt worden. Der Rahmen wurde an kaputten Stellen repariert und neu verleimt. Die Tasten sind nun leichtgängiger als zuvor, was beim spielen hinderlich war.
Das Wellenbrett der Pedalkoppel ist ebenfalls neu gebaut worden. Das alte ist dem Holzwurm zum Opfer gefallen.
Registermechanik und Schwelltritt:
Überarbeitete Registermechanik mit Blick auf eine neue Welle
Die Registermechanik wurde überarbeitet. Der Rost an den Stahlachsen wurde entfernt, von Holzwurm zerfressene Wellen und Teile gänzlich erneuert. Die Mechanik zur Einschaltung des Pedalregisters wurde neu konstruiert. Ebenfalls die Mechanik des Schwelltrittes. Eine neue Stahlwelle nimmt hier die nötige Masse und eine Feder an den Achsen der Schwellklappen verhindert das „Zufallen“ des Schwellers was vorher ständig der Fall war. Ein bestimmungsmäßiger Gebrauch war hier nie möglich.
Blick auf einige vom Holzwurm zerfressene Teile
Alle anderen Teile der Orgel sind ebenfalls ergänzt, repariert und überarbeitet worden. Das alte Oboenregister, welches aufgrund seiner Beschädigungen noch nie gebraucht werden konnte, ist komplett neu gebaut worden. Somit ist der Klang der Orgel um einiges gesteigert worden.
Der Prospektstock mit neuen Fußbohrungen, und Regulationsschiebern für die Windzufuhr
Die Kirche hat nun Ihre Chororgel wieder die ab jetzt zuverlässig Ihren Dienst verrichten wird; sei es bei Familienmessen, Taufen, Beerdigungen, Konzerten oder anderen Anlässen. Als einer der Organisten an diesem Instrument und als Mitwirkender bei der Restaurierung durch meinen Ausbildungsbetrieb, habe ich zu dieser Orgel ein besonders persönliches Verhältnis... Zurzeit sind die Intonationsarbeiten in vollem Gange. Nach Abschluß der Arbeiten gibt es hier neue Bilder.
Schwellwerkslade mit neuer Oboe im Vordergrund
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