Jetzt etwas zum Thema "Luft". So vielfältig die Orgeln im Laufe der Jahrhunderte ausgesehen haben, so unterschiedlich war auch die Einrichtung ihrer wichtigsten lebensnotwendigen "Lungen". An der Windversorgung lag halt alles, und so gibt es jene interessante Anekdote, die im Barock wohl manchen Orgelbauer ins Schwitzen brachte, dem man Johann Sebastian Bach als Orgelprüfer geschickt hatte. Schon damals wurde eine teure Pfeifenorgel "abgenommen" - d.h. ein Fachmann testete das Instrument auf Herz und Nieren. Fand er etwas nachbesserungswürdig, hieß es fürs Handwerk, die Schraubenzieher wieder auspacken und nachbessern.
Barockmeister als Tester "Gnadenlos"
Nun denn, Bach pflegte sich an eine Orgel zu setzten, der Kalkant (Balgtreter) durfte sich warmtreten und dann schlug der Fugenmeister unten einen satten Akkord in Baßlage an. Dasselbe geschah mit der linken Hand am oberen Ende der Tasten und die Füße traten ebenfalls eine Oktave. Alle Register mußten gezogen sein - und dann hieß es warten. Fing nun ein Instrument an, die Stimmlage zu verlassen, bzw. die Tonhöhen sackten wegen zuwenig Wind ab und es entstanden unschöne Heuler, nahm Bach seinen Hut, stiefelte aus der Kirche und hinterließ betretene Mienen beim Orgelbau-Chef.
Diese Episode mag als Beleg dafür dienen, wie wichtig die Luftversorgung , ähnlich dem Lungensystem des Menschen, für eine Orgel ist. Im Laufe der Zeit wurden viele Modelle dazu entwickelt. Im Folgenden einige Beispiele :
Der Spanbalg
Der unvollkommene Falten- oder Schmiedebalg wurde zunächst ersetzt durch den sogenannten "Spanbalg". Den Spanbalg kennt man seit dem 13. Jahrhundert.Das Wort "Span" hat früher ein regelrechtes "Brett". bezeichnet: . Die Wandungen dieses Balges bestehen aus Brettern und Lederstücken. Die Bretter sind scharnieranig miteinander' verbunden, der Balg kann sich mit Leichtigkeit ganz platt falten. Ein aufgezogener Balg wird durch die Schwerkraft zusammengepreßt und treibt dabei die Luft in den Kanal, der zur Windkammer führt. Jener "Spanbalg" gibt zwar relativ stetigen Wind - es gibt aber ein paar problematische Stellen : Zu Beginn des Absinkens ist der Druck im Balg nicht ganz so groß wie gegen das Ende. Die Oberplatte übt in flacher Stellung stärkeren Druck aus als zum Ende hin.Der Kastenbalg
Also erfand man andere Lösungen, so z.B. den Kastenbalg. Er sollte gleichmäßigeren Wind liefern. Ein kleiner Kasten öffnet beim Anheben in einem paßgenau größeren Kasten das Einströmventil und erreicht durch sein Eigengewicht beim Ablassen einen stetigen Druck ins Windsystem. Natürlich mußten derer mindestens zwei eingebaut sein - zog der eine hoch mußte der andere Wind liefern, sonst wären "kleine Lücken" entstanden und der Organist hätte pausieren müssen. Diese Balgform war auch nicht ideal , da die Kalkanten sich Blasen an die Füße treten mußten und diese Anlage später schlecht mit elektrischem Gebläse zu betreiben war.Der Schöpfbalg
Also hieß es weiter basteln und grübeln : Und es wurde komplizierter. Auch heute noch gelegentlich baute man den "Schöpfbalg mit Magazin". Hier ist der Wind wirklich wesentlich stetiger geworden ! Im Prinzip wie der Spanbalg wird dieser auch aufgezogen und zusammengepreßt. Die Luft jedoch wurde in einen Vorratsbehälter geleitet - das sogenannte "Magazin". Dieser parallele Balg fängt Druckstöße, etwa durch unregelmäßiges Treten der Kalkanten, ab und gibt gleichmäßigen Wind ab. Historische Orgeln aus etwas dem Anfang des 19. Jh. spielen heute noch oft mit dieser Balganlage. Da diese Bälge sehr aufwendig gearbeitet sind, mit einem speziellen Leimverfahren Pappe/Holz/Leder/Schnüre, ist eine Restaurierung sehr aufwendig und auch recht teuer.Heute : Elektro "Windschleudermaschinen"
und Luft-Magazine
Heute nun versehen nur noch elektrische Motoren, sogenannte "Windschleudermaschinen", die Luftzufuhr. Auch hier muß natürlich der Wind stetig gehalten werden. Bei jedem Tastenanschlag wird Luft entnommen, es kommt zu einem Wind-Ruck. Dies reguliert der sogenannte "Schwimmerbalg". Dieser kleine Regulierbalg ist an die Luftkammer angebaut und regelt mit beweglichen Schwimmerplatten, die durch Federn gegen den Winddruck arbeiten, einen stetigen Winddruck.Damit der Gebläsemotor nicht ungeregelt Wind ins System preßt und etwa den Balg in kleine Stücke verarbeitet , ist an dem Magazinbalg eine Drosselklappe angebracht : Füllt sich der Magazinbalg nach oben, hebt sich die Oberplatte (sie ist mit einem kräftigen Faden mit dem Einlaßventil des Balgs / oder der "Drosselklappe" verbunden) und schließt dabei die Drosselklappe. Sinkt die Platte, wird das Ventil wieder geöffnet und benötigte Luft kann wieder einströmen.
"Und wieviel Luft braucht so eine Orgel denn ?"
wird eventuell die nächste Frage bei unserer virtuellen Orgelbesichtigung sein.
Der Druck des Windes kann verschieden sein. Man mißt den Winddruck mit der"Windwaage".
"75 mm Winddruck" treibt eine Wassersäule in einem zylindrischem Gefäß 75 mm empor. Früher wandte man etwa 50-75 mm Winddruck an, später steigerte man ihn bis zu 120 mm und höher. Heute versucht sucht man hin und wieder mit niedrigerem Druck auszukommen, was der Tonschönheit (und natürlich auch der Spielart) sehr zugute kommt. Natürlich benötigen bestimmte Register (Zungenstimmen und sehr groß-mensurierte Pedalregister) enorm viel Wind.
Wichtig bei der Planung einer Windversorgung : Wie ist ein Instrument konzipiert ? Soll es barock klingen, d.h. mit einem relativ einheitlichem Winddruck arbeiten ? Denn vom Druck des Windes hängt auch die Lautstärke eines Registers ab. Oder soll es romantisch klingen, wenn die neue Orgel ertönt ? Dann baut man ziemlich viele dieser Magazinbälge ein und erreicht mit mehreren Windmaschinen unterschiedliche Drücke und Klänge. Eine große , symphonische Orgel kann so heute über bis zu zehn verschiedener Windmaschinen und Balganlagen verfügen. In der Heimatstadt des Verfassers Viersen unterteilte der Orgelbauer Gerald Woehl den Wind der neuen Orgel (4 Manuale /hochgradig symphonische Disposition nach Cavaillé-Coll) sogar innerhalb eines Manuals (Tastenreihe), sodaß in einem Register eine eigene Lautstärkedynamik erreicht wurde.


