Feuilleton zur Orgel online - das Orgelmagazin

Orgel-Schnellkurs

In der Bundesrepublik gibt es zahlreiche Orgelbauwerkstätten, angefangen vom Zwei-Mann-Betrieb bis zum mittelständischen Unternehmen mit 60 oder 7o Arbeitern und Angestellten. Es gibt viele verschiedene Schulen und Richtungen im Orgelbau.

Eine Orgel ist eine sehr komplizierte Maschine. Im wesentlichen besteht sie aus drei Teilen: der Traktur, dem Windwerk und den Pfeifen. Zur Traktur gehört die gesamte technische Spieleinrichtung, also die Klaviaturen und Registerzüge im Spieltisch, sowie die Anlage zur Übertragung des Tastendrucks auf die Pfeifenventile.

In der klassischen Barockorgel ebenso wie in vielen der heute gebauten Instrumente hängt die Traktur wie ein "filigranes Gitterwer" aus feinen Holzstäben, den "Abstrakten", unter den Windladen..

Die Windladen, das Gebläse sowie der Magazinbalg bilden das Windwerk. Das "Atemsystem der Orgel", das die Pfeifen mit dem zum Anblasen nötigen Luftdruck versorgt. Die Pfeifen stehen, in Registern gegliedert, auf den Windladen. Jedes Register - eine durchlaufende Reihe von Tönen - hat einen eigenen Klangcharakter, der aus der Bauart und aus der Intonation der Pfeifen entspringt.

Man unterscheidet zwei Pfeifenfamilfen: die Lippenpfeifen und die Zungenpfeifen. Der Ton einer Lippenpfeife wird durch einen Luftstrom erzeugt, der sich an einer scharfen Kante, der sogenannnten "Lippe", bricht und dadurch die in der Pfeife eingeschlossene Luftsäule in Schwingungen vesetzt. Das klingt recht einfach, ist aber ein äußerst komplizierter, immer noch nicht völlig erforschter Vorgang. Erst jüngst ist es gelungen, mit Hilfe einer speziellen Aufnahmetechnik (Filmaufnahme rechts), der Interferometrie, die Grundlage zu einer physikalischen Theorie des Pfeifenklanges zu erarbeiten. In den Zungenpfeifen wird der Ton von einem Metallplättchen gebildet, das im Luftstrom vibriert. Diese manchmal näselnd, manchmal hell schmetternde Register heißen Trompete und Bombarde, Posaune und. Regal.

Die einzelnen Register wählt der Organist vom Spieltisch -, hand- oder computergesteuert - mit Hilfe der Registerzüge aus. Eine kleine Kapellenorgel mag mit fünf Registern auskommen. Eine drei- oder viermanualige Domorgel enthält, auf 60 bis 80 Register verteilt, vier- bis sechstausend Pfeifen. Manchmal sogar noch mehr.

Oie größte Orgel der Welt in Atlantic City (USA), hat zwei Spieltische mit zusammen 12 Manualen und 33112 Pfeifen. Der Orgelbau umfaßt ein weites Feld handwerklicher Techniken, von der Holz- und Metallverarbeitung über die Feinmechanik bis zur Elektrotechnik. Dazu kommt noch die klangliche Ausarbeitung der Instrumente bei der Intonation.

Weil die Orgel ein so komplexes Instrument ist, regt sie stets zu neuen Erfindungen an. Während die Entwicklung der meisten klassischen Instrumente zu Beginn dieses Jahrhunderts stehengeblieben ist, haben Konstrukteure der Orgel immer wieder den Anschluß an die neuesten Errungenschaften der Teehnik gesucht.

Das Funktionsprinzip aber blieb immer das gleiche: das alte System der Kreuzschaltung. Oder, im High- Tech- Jargon gesagt: Matrixanalysis. Die Registerzüge und die Tasten bilden ein Raster: Nur mit diesem Raster läßt sich der Pfeifenwust im Inneren der Orgel vom Spieltisch aus beherrschen.

Ein Organist mag ein Hexer sein - aber er ist immer
ein Zauberer mit vielen technischen Hilfen