Noch mehr Zinn bitte!
Zwischen Düsseldorf und Venlo, mit einem Ausflug in die Voreifel...
Ohne Zweifel eines der interessantesten Instrumente mit historischem Datum steht in einer Region, die noch nicht ganz Niederrheinisch ist. Die dortige Orgel ist aber ohne Zweifel wichtiger Zeuge alter niederrheinischer Orgelbaukunst.
Süddeutsche Solis und norddeutscher Prospekt - Steinfeld in der Voreifel
Kloster Steinfeld in der Eifel (bei Kall / Blankenhein / Marmagen) ist nicht nur malerisch auf einem Berg gelegen, hat das Ambiente, bei dessen Anblick der niederrheinische Jupp Schmitz sagen würde : "Tja luerens, so is dat ja och ejanz infach, et kluester- leäve !" Er braucht sein Porte-Monaie aber nicht zu zücken, die Steinfelder sind mit der Restaurierung der alten Orgel aus dem Jahre 1727 schon lange fertig und haben mustergültig arbeiten lassen. Die Eifeler Orgelbau-Manufaktur Weimbs (Hellental) hat 1981 das historische Material des Orgelbauers Balthasar König (soweit noch vorhanden) behutsam in Stand gesetzt und manche Verunzierung durch unfachmännische Erweiterungsbauten rückgängig gemacht. Und das ist das charakteristisch- Niederrheinische an der König-Orgel: Obertonreich klingt das Werk, vom Klang her terassenartig gegeinander abgesezte Werke (Hauptwerk mit dem unvergleichlich "singenden" Prinzipal-Register , weil mit entsprechender Mensur und gutem Material gebaut, Rückpositiv spitz und hell, Brustwerk im Klangkasten eher wech und zurückhaltend). Im Vergleich zu anderen Orgeln der Zeit ist die König - Orgel eine delikate Mischung aus norddeutschen Elementen ( Schnitger etc. ... majestätische Fülle mit scharfen Mixturen) und süddeutschem Flair ( vergl. weise viele Soli-Stimmen, genug Zungenregister, Cornet im RP (!)
Kaldenkirchen: Schwäbische Töne - Neue Link - Orgel
Und nun zunächst die eindringliche Bitte um Vergebung ! Ich weiß, das Bild der neuen Link-Orgel der Pfarrkirche in Kaldenkirchen treibt nach Draufsicht des geneigten Orgelmagazin-Besuchers zum Augenarzt. Doch der Kampf mit meinem Scanner ist endgültig geschlagen- er blieb Sieger !
Trotz Augenarzt - Kaldenkirchen hat Link-Orgel mit Klangkultur !
Ich meide von nun an Hochglanz-Prospekte von Orgeleinweihungen. Basta. Da kann die Orgel sieben Manuale und eine eingebaute Kühlbar am Spieltisch haben - unerwähnt bleibt die Sache in meinem Magazin ! Hier noch mal eine Ausnahme.


Unperfekt sind diese eingescannten Bilder, perfekt ist das neue Instrument, das in einer (wie auch sonst !?) relativ geräumigen gotischen Hallenkirche nahe der niederländischen Grenze zu Venlo hin steht. Die Gläser von der Einweihungsparty sind zum Zeitpunkt des Atikels noch nicht ganz getrocknet gewesen.
Man feierte 7500 Stunden getaner Orgelbau-Handwerks-Arbeit der Firma Link aus Giengen bei Ulm. 9,25 Tonnen feinsten Musikmaterials war fertig gebaut, angeliefert, intoniert. 37 Register , von der größten Pfeife mit 4,80m bis zur kleinsten mit 9mm, produzieren von nun an Wohlklänge aus einem farblich delikat bepinselten Gehäuse heraus. Ausgesprochen französisch klingt solche Musik.
Prof. Stefan Engels, Kaldenkirchener mit Wohnsitz in Chicago beendete sein Inaugurations-Konzert mit Widors.5. : Hier ist diese Orgel eindeutig zuhause.
Links mal eine andere Perspektive : Perspektiven des Kaldenkirchener Organisten in einen typisch niederrheinischen "Kleinstadtdom".
Viersen-Bockert: Brüstungswerk mit 8' satt
Am Niederrhein, lieber Leser, baut man orgelmäßig nicht nur Großes, besonders Altes oder sonstig Superlatives. Ein Beispiel für ein interessantes "normales" Instrument für "liturgischen Hausgebrauch" aus jüngster Zeit steht in Viersen-Bockert , und zwar in der Pfarrkirche St. Peter. Dort brüstet sich der Organist seiner Orgel, die am selbigen Brüstungswerk steht und von rückwärts bespielt zu werden pflegt.
Schlankes Brüstungswerk in Viersen- Bockert
Vom Mönchengladbacher Orgelbaumeister Martin Scholz wurde das schlanke Instrument gefertigt. Eine "neuhistorische" Keilbalg-Anlage haucht dem Instrument Leben ein. Die Disposition ist interessant, mit vielen unterschiedlichen 8'-Fuß Registern in Unter- , Ober- und Pedalwerk.
Bergheim: Frankophiler Niederrhein Teil ???
Wohl nicht erst jetzt schwant dem Niederrhein-Orgelkenner, daß die Menschen rund um Alt und Kölsch irgendwie frankophil veranlagt sind. Die , die dem Kölner das Wort "Fisematenten" beibrachten und dem Dom eine eigene Hausnummer verpaßten, bekommen nun zum Dank Orgelbauten als Hommage an ihre Herkunft gewidmet.
Frankophiles in Bergheim
Glauben Sie nicht ? Hier ein weiterer Beweis : Unschlagbar eindeutig französisch (die Registernamen können nur mit der berühmten heißen Kartoffel im Mund angemessen ausgesprochen werden) präsentiert sich in Bergheim St. Remigius (Erft) die Orgel der Freiburger Firma Späth. 1997 wurde sie fertiggestellt , hat eine "flute a cheminee", ein "cor de nuit" und ein "Basson-Hautbois". Noch Fragen ? Hinfahren und anhören !
Dülken, St. Cornelius: Von einer größten Orgel und einem Laubsägekasten
Unter der Rubrik " Aus alt mach neu" nun ein Beispiel aus Dülken. Das hübsche Städtlein ist so jeck, daß man die ganzen gutbürgerlichen Ärzte und Anwälte in eine Narrenakademie steckte. Man haust in der "Narrenmühle", verteilt Orden an die betuchten Wunderkinder, und so sieht man alljährlich den gehobenen Mittelstand und seine Steuerberater auf Steckenpferden herumhopsen. Nur soviel zum Gutbürgerlichen an der holländischen Grenze. Wenden wir uns also lieber dem Organisten zu ...
Dülken - Narrenmühle und Schleierbretter
Jener schaltet und waltet in der Pfarrkirche St. Cornelius. Selbige ist ein gewaltiger Kirchenbau, -man höre und staune (!) - fünfschiffig errichtet und größte Pfarrkirche des Bistum Aachen. Eine klingende Zinnsammlung thront auf der Empore, die beachtlich ist und zu allerhand Tastentun an vier Manualen und 65 Registern verlockt !
Die Orgel der Firma Stockmann (Werl) hat zwar einige Tage (Bj.1963) und einige Rundfunk- und Schallplatten-Aufnahmen hinter sich gebracht...
...
wurde aber in den Neunzigern überarbeitet und mit einem Rückpositiv ausgerüstet, das mancher Organist gern als gar nicht so kleines Chorörgelchen zur Verfügung stehen hätte. Wer nach dem Erweiterungs-Umbau vor der Orgel stand, der rieb sich erstaunt die Augen und fragte sich doch - "Irgendwas kommt mir hier schleierhaft vor !!"
Ach ja , stimmt : Diese Schleierbretter ! Da muß es einen Orgelbaulehrling mit Laubsägekasten gegeben haben.
...und lustvolle Laubsägearbeiten
Geschmackssache wird der Homepage-Besucher sagen. Stimmt ! Meiner ist es nicht . Aber es gibt Wichtigeres als Verpackungen. Und der Klang stimmt. Leider aber viel zu wenige Orgelkonzerte.
Steyl, Missionshaus NL: Klais - Klanggewalt im Dornröschenschlaf
Zwar holländisch, aber auch irgendwie niederrheinisch :
Steyler Orgel Gast in Niederrhein-Reise
Der Gründer des Steyler Missionsordens Arnold Janssen stammt aus dem niederrheinischen Goch, wohnte und arbeitete lange in Kempen und und gründete als junger Priester ein Kloster - infolge der Kriegswirren jedoch in den nahen, nachbarlichen Niederlanden. Die Entfernung zwischen beiden Orten ist locker mit dem Fahrrad zu bewältigen - daher der Bezug des Autors und des heimatlichen Niederrheins zu Steyl. Deutscher Gründer in nahem Holland
Die Steyler Missionare (SVD) wurden sehr rasch nach ihrer Gründung erfolgeich mit Kommunitätsgründungen rund um den Globus. Keimzelle war jedoch immer das Mutterhaus oder "Missionshaus St .Michael" in Steyl. In jenem stattlichen neugotischen Bau wohnte der Gründer Janssen bis zu seinem Tode. Schon immer fanden in dem großen Klosterhaus, das streckenweise bis zu 700 Bewohner zählte, bedeutende katholische Gottesdienste statt - zu Priesterweihen, Ordensgelübden, zu Feiern des zeitweise zum Orden gehörendem Gymnasiums. Dazu nutzte man die "Oberkirche" des Ordens, eine neugotische , sehr hoch gebaute Kirche, unter derem Fußboden, quasi im Keller, noch eine größengleiche "Unterkirche" Platz fand.
Damit zu hohen Messen auch eine ensprechend festliche Musik erklingen konnte, wurde schon früh, im 19.Jh. , eine große Orgel auf der Oberkirchenempore eingebaut. Nach dem Zumauern des Turmhaus-Rundfensters errichtete dann im Jahr 1930 die Bonner Orgelbaufirma Klais (sie baute auch u.a. im Kölner, Frankfurter und Trierer Dom) eine stattliche Pfeifenorgel mit der Opuszahl 811. Das zweimanualige Werk mit Hauptwerk, Schwellwerk und Pedal umfaßte immerhin 37 Register und wurde von der Intonation her eindeutig hochromantisch disponiert. Wer sich, wie es der Autor öfters macht, an den Spieltisch der Orgel
begibt und der räumlich gewaltig wirkenden Orgel Töne entlockt, wird unversehens, trotz des sehr bedenklichen allgemeinen Bauzustands, vom majestätischen und sehr interessanten Klang des Instruments in den Bann gezogen. Dies beruht nicht zuletzt auf der Tatsache, daß die Kirche den nächsten Krieg überstand, ohne daß die wertvollen Pfeifen eingezogen wurden. So verfügt die Steyler Orgel z.B. heute noch über hoch zinnhaltige Metallpfeifen im Schwellwerk, die den Klang ungeheuer weich und ausgewogen werden lassen. Überhaupt sparte die Firma Klais seinerzeit nicht mit dem Material : 5 Zungenstimmen, die von der Mensur und Stimmung her sehr farbenreich und kräfitg angelegt sind, bilden eine satte Klangbasis für kräftige Literatur der Romantik, die im akustisch überaus ansprechenden Kirchenbau hervorragend klingt. Gespielt wird jene Musik vom Spieltisch her, der, und das ist für diese Bauzeit und für derartige Orgeln üblich, über elektropneumatische Trakturen mit den Pfeifen verbunden wurde. Zahlreiche Super- und Suboktavkoppelungsmöglichkeiten (für Manuale und Pedal !) und eine "Pedalakzent" - Möglichkeit, d.h. die Pedalregister lassen sich auf dem unteren Hauptwerk auch mit der Hand spielen, sind technische "Zuckerstückchen" an dieser Orgel.
Ohne Zweifel ist die Steyler Orgel ein Musikinstrument mit Denkmal-Wert, doch aufwendige Restaurationen sind nötig. Die elektrischen Kabel im Spieltisch (von 1930 !) sind "mürbe", viele Töne fallen dadurch immer wieder aus. Auch starker Staubbefall hat manche Pfeifen sehr leise oder ganz stumm werden lassen. Viele Pfeifen haben nicht mehr den nötigen Halt und drohen, abzuknicken (Bild oben rechts) Wäre dieser Zustand behoben, klängen aber z.B. ganze 11 Pedalstimmen wieder so wie früher - durch komplett ausgebaute Pfeifenreihen ohne Transmissionen überwältigend fundamentierend. Ein Quintregister erzeugt akustische 32´Lage, das Hauptwerk baut sich auf einem 16´Nachthorngedackt auf : "Wohlige Schauer" können Orgel-Enthusiasten beim Anhören solcher Grundklänge in der Oberkirche durchaus über den Rücken laufen. Eine sehr zart und wunderbar intonierte Schwebung (Vox coelestis und Aeoline),
zahlreiche und sehr eigencharakeristische Flötenstimmen in allen Werken und interessante Aliquotstimmen runden das interessante Profil dieses beeindruckenden Instruments ab. Seltenes Denkmal an deutsch-niederländischer Grenze
Die hier potraitierte Orgel steht in der niederländischen Orgelwelt und in der Region Limburg sehr einzigartig da. Viele Sommertouristen besuchen das direkt an der Maas gelegene Kloster . Nur zwei Gründe, die dafür sprechen, die Klais - Orgel der nötigen Restaurierung zuzuführen und regelmäßige Konzerte darauf zu veranstalten.
Anliegen des Autors dieses Artikels (Jürgen Schröder, Viersen) und der Verantwortlichen im Kloster Steyl ist es , die Aufmerksamkeit weiterer Fachleute und Musikfreunde auf die Klais-Orgel des Klosters Steyl zu ziehen. Eine einzigartige "Königin der Instrumente" sollte aus dem Dornröschenschlaf geweckt werden !
Zur Seite drei gehts hier entlang...


