Feuilleton zur Orgel online - das Orgelmagazin

Ein Hauch von Silbermann

Das prächtige Schloss Hubertusburg in Wermsdorf, ca 40 km von Dresden entfernt, beherbergt in seiner Schloßkapelle eine wunderschöne Orgel des Silbermannschülers Tobias Schramm (1701-1771). Das Instrument mit seinen 10 registern auf einem Manual und Pedal verteilt gliedert sich sehr schön in den frisch restaurierten Kirchenraum ein und steht auf einer Empore über dem Altar. Die Orgel stand zunächst als Stiftung der Königin Maria Josepha in der Kaiserkapelle Dresden-Neustadt und wurde später nach Hubertusburg umgesetzt. 1945 wurde die Orgel schwer beschädigt Der Orgelprospekt ist mit zahlreichen Rokokkoschnitzereien verziert. Erst in den Jahren 2000 und 2001 konnte die Orgel von der Firma Hermann Eule in Bautzen unter Verwendung historischer Teile restauriert werden. An historischem Pfeifenmaterial sind leider nur noch einige Holzpfeifen übrig geblieben. Wenn man die Orgel jedoch spielt, fühlt man sich wie an einem gänzlich historischen Instrument. Die Stimmung: Silbermann modifiziert. Die Orgel kann auch noch manuell betrieben werden: In einer kleinen Nebenkammer lagern 3 große Keilbälge die mittels 3 schweren Eichenpfosten getreten werden können.

Viersen: Cavaillé-Coll + Dom Bedos in pink

Die Woehl -Orgel der St.Remigius-Kirche Viersens ist auch ein kräftiger orgelromantischer Akzent in hiesigen Landen und weit über die Grenzen hinaus bekannt. Die Marburger Orgelbauwerkstatt Woehl hat sich vor dem Bau des viermanualigen Instruments intensiv über die Bücher gesetzt und die Theorien großer französischer Orgelbaumeister wie Dom-Bedos und Cavaillé-Coll verinnerlicht.

kräftiger französischer Akzent in Viersen

Heraus gekommen sind 49 Register auf Hautpwerk, Rückpositiv, Récit expressif, Bombarde-Werk und Pedal. Rückpositivklänge sind ausgesucht feiner Natur in französisch-barocker Manier, das Recit mit seiner reichen und romantischen Registerfülle, mehreren Winddruck-Systemen und einer "Fernwerk-Klappe" in den Turmraum hinaus, läßt kaum Wünsche offen. Chamaden lugen keck über den Organisten hinweg und verleihen dem sowieso kräftigen Gesamtklang gewaltigen Biß im Tutti.

Kempen: Stadt mit Burg und ungezählten Orgeln

Freunde internationaler Orgelkonzerte wissen sich gut in einer der schönsten niederrheinischen Städte aufgehoben: Kempen ist nicht nur städtebaulich ein Kleinod, sondern hat auch einige Orgelbauten , die im Hinterkopf präsent sein müssen, will man mitreden können.
In der Propsteikirche St. Marien vollführen Leute , die zum "Who is who" der Organistenszene gehören, alljährlich Tastentänze über Werken barocker, klassischer, romantischer und modernistischer Provenienz.

Kempen - Hier zieht nicht jeder an den Knöpfen !!

Dazu dürfen sie auf drei Manualen herumwieseln und an 44 Knöpfen ziehen. Laut ists genug, und auch sehr leise, wenn das Schwellwerk dicht gemacht wird, denn es steht sehr sehr geschickt hinter dem Gehäuse der Orgel und kann sich leise grummelnd zusammenkauern - ein grandioser Effekt. Auch hier Chamaden (horizontale Trompeten), die merkwürdigerweise mit dem Pedal gespielt werden müssen.


Historischer gehts nimmer ! In Kempen gibt es, inmitten einer wunderbaren Stadtarchitektur, die Altes Altes sein ließ und nicht zwanghaft "mit dem Bagger sanierte", eine Klosteranlage mit großer Klosterkirche. Statt Vater-Unser und Beichtgemurmel lustwandeln heute Museumsbesucher an Glasvitrinen vorbei. Klosterkonzert statt Kniefall, Klavierabend statt Kollekte, Kammerkonzert statt Kinderkommunion.

Historischer gehts fast nimmer :
lebendiger Wind in Kempen - Paterskirche


Und doch baute man in dieses verweltlichte stadtkulturelle Gemäuer eines der interessantesten Örgelchen , das landauf und landab zu finden ist. Das altehrwürdige Gehäuse eines Orgelbauers namens König stand schon immer dort an der Empore, aber mit stummen Prospektpfeifen und leerem Innenraum . Die niederländische Firma Verschueren hat nun ein komplett neues Instrument errichtet, das aber exakt an alten Vorgaben orientiert klingt. Der Autor gesteht an dieser Stelle freimütig, daß ihm die Einweihungsschrift abhanden kam und Daten nachgereicht werden müssen ! Versprochen !

Lobberich: Ein Webmaster lernte Orgel schlagen

Biografische Schlüsselinstrumente !

Diese Orgel muß unbedingt in die Homepage, hat sie dem Verfasser doch den Einstieg in die großartige Welt der Orgelmusik ermöglicht ! In Nettetal -Lobberichs "Dom" St. Sebastian , eine wunderbare spätromanische und wirklich "akustik-gesegnete" Pfarrkirche mit majstätischem Doppelturm-Ensemble, stiefelte ich eine Zeit lang als Orgelelève der hervorragenden Lehrerin und Kantorin Ulrike Botzet die Stufen hinauf. Hinauf zu einer üppig romantisch-sinfonisch disponierten Pfeifen-Königin der Firma Koch-Lorenz. Dies ist einige Jahre her, irgendwann später erhielt die Pfarre dann noch im Chorraum eine neue Orgel der Firma Hartwig Späth (rechts).

 

 

Süchteln alt und neu: oder, als Orgelbauer noch schnitzen konnten

Nun zum Instrument, an dem sich der Autor (unter anderem) verdingt und viele, viele Stunden übend und Messen spielend verbracht hat. Die Klais-Orgel der Pfarrkirche St.Clemens in Viersen- Süchteln wurde 1992 neu gebaut. Besonderes Schmuckstück ist der wahrhaft reichlich mit wunderbaren Schnitzwerken versehene Orgelkorpus, der, denkmalgeschützt, erhalten blieb.

Süchteln - my home is my castle


Auch die gesamte Empore ist in der Art gearbeitet ! Die besondere Schwierigkeit bestand für die Orgelbauer darin, ein neues Innenwerk mit Hauptwerk, Schwellwerk (neu) und Pedal zu "verstauen". Die Orgel steht in einem akustisch überaus vorteilhaften neugotischen Kirchenraum. Besonders für Werke der Romantik ist das Instrument hervorragend disponiert.

Staubtrockene Akustik für neue Orgel


Bleiben wir in Süchteln und erkennen am Beispiel der evangelischen Fraktion dort : Platz ist in der kleinsten Hütte ! Die evangelische Kirche in "Soetele", der kleinen Stadt mit großer psychiatrischer Fachklinik, einem "Weberbrunnen" und Karnevalisten, die mit dem Schlachtruf nach " Soetelsche Muresoat" (Süchtelner Möhrensaat) die Straßen bevölkern, hat auch eine sehr alte und ziemlich kleine Kirche. Orgelmäßig pfiff es einmal aus einer Orgel der Firma Willi Peter aus Köln, bis man beschloß, einen Neubau anzuschaffen. Und zwar von der Firma Oberlinger aus Windesheim am Rhein. Kunstvoll gestaltetes Schleierwerk freut das Auge und die Disposition hat gar ein Schwellwerk zu bieten : Bei Null Akustik ein interessantes Experiment.

Sozialwissenschaftliches

Philosphisches am Rande : Sind Kollegen auf Stippvisite in meinem Ländle, höre ich immer wieder die selben anerkennenswerten bis neidvollen Kommentare : "Mensch, wo habt Ihr all die Orgeln her ? Hier steht ja echt an jeder Ecke ein neues Instrument."

Nicht ganz unrecht hat derjenige - und spricht (ungewollt) ein seltsames Phänomen an: Wie in anderen Landen auch, meint der Niederrheiner : " Wat nit dür is, dat kann nix sin ! (Was nichts kostet, ist auch nichts !) Prompt öffnet sich Kartoffel- und Rübenbauer Jupp Schmitzens Börse: bei ungezählten Tombolas, Pfarrfestivitäten, Beerdigungscafes, Pfeifenkollekten. Und raus purzelt munter das Ersparte. Das machen dann ein paar Schmitzens und schon kriegt die Pfeifenschmiede X in X einen Auftrag. Zählt man die Summen zusammen, die in relativ kurzer Zeit angehäuft sind, meint man, überall wohnten Orgelenthusiasten. Aber weit gefehlt: Bei Orgelkonzerten u.ä. laufen Organisten fast immer Gefahr, alleine zu sitzen . Wenn nicht das aufrechte Häuflein alter Orgel- Freunde immer wieder an die Stammplätze zurückkehrt.... Nein, ich will mich beileibe NICHT beklagen !! Bitte, liebe Schmitzens, baut weiter. Wir brauchen Euch , denn allabendlich den Schlüssel quietschend drehen zu dürfen und ein paar Stunden Bach und Vierne spielen zu dürfen, das haben wir Euch liebenswürdigen Menschen zu verdanken. Den Spendablen.

Krefeld-Hüls: Auch hier schlugen die Spender zu

Also - weiter im Text !

In Krefeld-Hüls gab es eine besonders große Schar der Spendablen. In der neugotischen Hallenkirche (einer der akustischen Kölner Dome mitten im Dorf) St. Cyriakus hat die Schweizer Orgelbaufirma Metzler (Dietikon) ein prachtvolles Werk auf die Füße, pardon "auf die Empore, gehievt, das einiges an netten Attributen vorzuweisen hat:

Krefeld- Hülser Königin in Zahlen

Eine Pfeifenkönigin in Zahlen: In einer Augenweide von Gehäuseschrank ( Hauptwerksfassade von 1783 ) stehen 3316 Pfeifen, 119 zeigen sich selbstbewußt dem Kirchenbesucher im Propekt. 23 sind dort zum Stummsein verdammt, aber sie machen dafür optisch was her ! 148 Holzpfeifen wummern, brummen und wabern tonal ins Gewölbe, 594 Zungenpfeifen schnarren, schneiden, brillieren in die weihrauchgeschwängerte Luft und machen bei guter Kombinationsgabe des Kantors Zangerle ergeben-gläubige Gesichter und staunende Kinderaugen. Und und zum Spieltisch !

Nein, was für ein Augen- und Handschmeichler ! Zwar sparte sich die Orgel-Planungstruppe mal wieder so etwas Praktisches wie einen Setzer und bringt verantwortungslos die Registranten ins Schwitzen. Denn wunderbare gedrechselte Knöpfe gibts in rauhen Mengen : in acht Reihen kann links, rechts, oben und unten gezogen werden. Drei Manuale teilen das Spielbare in Hauptwerk, Rückpositiv und Schwellwerk auf. Eine Trompete als Chamade brettert akustisch waagerecht ins Kirchenschiff. Und ein 32' Fußregister im Pedal, der "dicke Großonkel unter den Pfeifen", der nur an teuren Orgeln zu Besuch kommen darf, macht untenrum mächtig Dampf.

Dies war der erste Streich....

Diese Orgel (neben den noch Folgenden) soll als ein Beispiel unter vielen Anderen herhalten. Das Schöne an der "neuen" Orgellandschaft Niederrhein ist die Vielfalt, zu der man gottlob wieder zurückgekehrt ist. Früher hatte eine Gegend ihre typische Orgel, Denken wir an den gehäuselosen Prospekt der Vor- bis Nachkriegszeit. Hier und da die selben Registernamen, Spieltische wurden in schöner Gleichmäßigkeit produziert wie der Golf am Fließband. Das hat sich geändert.

Deutsch-historisch Barockes, Frühromantisches, Spätromantisches, Klassisches (z.T. in Hüls) erklingt wieder, faßt sich charakteristisch an , kling sehr individuell. Auf zu Orgelreisen ! Es wird garantiert nicht langweilig.

Zum Teil 2? Bitte hier entlang....